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Vom Traum zur Wirklichkeit

Donnerstag, 09.09.2010

"Vom Traum zur Wirklichkeit" oder: "Hurra wir haben ein Jugendzentrum!" - egal wie man es formulieren mag, wir werden ständig gefragt: Wie ist die Evangelische Jugendarbeit in Zwickau zu ihrem Jugendzentrum gekommen? Diese nicht unbedingt alltägliche Geschichte werde ich dir jetzt erzählen.

Also, zunächst mußt du ein "Kirchlein" - genauer, ein "Bethaus" haben, zu welchem 1906 der Grundstein gelegt wurde. "Kirchlein" oder "Bethaus" deshalb, weil, wenn du hast eine zu große Kirche, dann ist die Angelegenheit zu kompliziert, zu teuer und viele Probleme, die dich nachts nicht schlafen lassen... Was aber ganz wichtig ist, daß die damaligen Bauherren nicht nur das Kirchlein gebaut haben, sondern zusätzlich noch ein großes Haus, mit vielen Zimmern zu einem großen Jugendstil-Komplex kreierten. Darüber hat sich die damalige Gemeinde sehr gefreut. Mal abgesehen von dem politischen Durcheinander in dieser Zeit, ging es ja der Region wirklich gut.

Das sogenannte "Schwarze Gold" (Steinkohle), was in Zwickau in großen Mengen aus der Erde geholt wurde, brachte Wohlstand. Der Stadtteil Schedewitz (wo sich unser "Kirchlein" befindet) gehörte mit zu den reichsten. Nun gibt es ein trauriges Sprichwort: "Wie gewonnen, so zerronnen!" Leider traf dieses Sprichwort auch Zwickau. Denn es ist ja logisch, man kann nicht ständig etwas aus der Erde heraus holen ohne etwas hineinzutun. So begann sich das gesamte Gebiet zu senken. Nicht nur ein paar Zentimeterchen, nein! Sage und schreibe, zwischen 6 und 11 Meter (!!) hat sich die Gegend in den letzten 80 Jahren in Richtung Erdmittelpunkt bewegt.

Jetzt fragst du besorgt nach unserem "Kirchlein". Keine bange, unser "Kirchlein" hat das ganz gut überstanden. Es steht zwar einen halben Meter schiefer als ein richtiges Haus, aber es steht. Von den meisten anderen Gebäuden konnte man das leider nicht sagen. Sie wurden abgerissen oder standen wie Geisterhäuser lange Zeit so vor sich hin. Fast die gesamte Jugendstiltradition Zwickaus ist so dem Steinkohleraubbau zum Opfer gefallen.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, daß in den 50er Jahren ein Turm an das "Kirchlein" gebaut werden sollte. Die Verantwortlichen hatten vielleicht viel Geld oder wollten auch einen Kirchturm, weil ja ein "Kirchlein" erst durch einen großen Turm zur Kirche wird. Genaues konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Jedenfalls bin ich den Behörden dankbar (wenigstens dieses eine Mal!!), daß sie ihren Stempel - wegen der Bodensenkung - nicht auf das Antragsformular dieses Vorhabens drückten.

Nun frage ich dich: Möchtest du in so einem Geistergebiet wohnen? (Trotz der Tatsache, daß das kleine "Kirchlein" überlebt hat?) Aber das stärkste kommt ja noch. Nur ca. 300m vom "Kirchlein" entfernt befand sich eine der größten Kokereien Ost-Deutschlands. Es würde zu weit führen, dir die Wirkungsweise einer Kokerei zu erklären. Die Zwickauer jedenfalls haben nur ein Wort dafür: Dreckschleuder!! Aller zwanzig Minuten nämlich, schleuderte ein gigantischer Schornstein atompilzartig tonnenweise Ruß- und Staubpartikel über die gesamte Stadt. Ergebnis: Die Gemeinde unseres "Kirchleins" wurde immer kleiner und kleiner. Am Ende so klein, daß sich der Vorstand der Gemeinde die Frage stellte, ist es nicht sinnvoller, sich mit der Nachbargemeinde zusammen zu tun. ...
Na, läuten da nicht die Glocken bei dir?

Wir sind jetzt im Herbst des Jahres 1987 angelangt. Im Wohnkomplex unseres "Kirchleins" befinden sich schon seit einigen Jahren die Wohnungen der Jugendarbeiter und die Diensträumlichkeiten des Jugendpfarramtes. Da betraten einige der Jugendarbeiter das "Kirchlein" und hatten einen kühnen Gedanken: "Aus dieser kleinen Kirche könnten wir ein JugendZentrum bauen!" Für den Leitungskreis der Jugendarbeit war das ein genialer Gedanke. Denn stell dir doch mal folgendes vor: Eigene Räumlichkeiten für junge Leute. Keiner der herum speckert weil eine Tasse zu Boden gefallen ist. Niemand der sich beschwert, daß die Jugend so laut, so unkonventionell, unhöflich, rüpelhaft .............................................................. ist.

Du kannst dir natürlich denken, daß es nicht nur Befürworter dieses Traumes gab.

  • Habt ihr an die Umweltverschmutzung durch die Kokerei gedacht?
  • Woher wollt ihr das viele Geld nehmen?
  • Gibt es in Schedewitz überhaupt noch Kinder und Jugendliche?
  • Werdet ihr euch nicht mit so einem Projekt übernehmen?
  • .......

Nun ja, ich könnte dir diese Geschichte noch lange weiter erzählen, aber leider erschöpft sich meine Platzkapazität. Jetzt willst du wissen wie das alles ausgegangen ist. Also ich mache es ganz kurz. Am 8. Juni 2002 feierten wir das 10-jährige Bestehen unseres Jugendzentrum-Kirchleins. Denn viele praktische und finanzielle Hilfen haben dazu geführt, daß das Jugendzentrum entstehen konnte. Die Kokerei ist weg! Just an dieser Stelle befindet sich jetzt ein modernes Einkaufszentrum und ein Kulturpalast. Kinder und Jugendliche kommen so viele, daß unser ehemaliges "Kirchlein" für manche Veranstaltungen schon zu klein ist. Sicher, wir haben noch Schulden und Geldsorgen (die gibt es in der Jugendarbeit wohl immer).

Wir sind allen sehr dankbar, die uns auf recht unterschiedliche Weisen geholfen haben. Vor allem aber Gott. Denn das, was wir mit diesem ehemaligen "Kirchlein" erlebt haben, bezeichnen wir als ein Wunder. Und soll ich dir zum Schluß noch etwas verraten? Wir haben schon wieder Träume und Pläne. Solltest du dich also für uns und unsere Arbeit interessieren, laß etwas von dir hören......

erstellt am 02.07.2008.
 

 
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